Das Motiv der Sappho

Zur Bilderrevolution in Schulbüchern

Geschichtsschulbücher waren in den letzten Jahrzehnten einem enormen Wandel unterworfen, der nur langsam in der Geschichtsdidaktik aufgearbeitet werden kann. Die zunehmende Verlagerung der sprachlichen zu bildlichen Informationen ist nun auch in den Schulbüchern der letzten Jahre angekommen[1]. Seitenlange Verfassertexte werden immer mehr durch verschiedene Bildquellen ersetzt, zum Beispiel durch Fotografien, Abbildungen von Skulpturen, Gebäuden, Karikaturen oder Diagrammen. Die Bilderrevolution der Gesellschaft ist auch in Schulbüchern zu erkennen. Der den Schüler*innen bekannte Aufbau einer Internetseite wird nun in Schulbüchern genutzt, um sie bei Bekanntem abzuholen und in neue Themen einzuführen.[2]

Bilder haben trotz des negativen Beigeschmacks der Bilderflut positive Eigenschaften, die es im Unterricht zu nutzen gilt. Sie können unzählige Details aufzeigen, da der Künstler eine Parallelität erschaffen kann. Er kann beispielsweise Personen bei einer Königserhebung dazumalen, die nicht anwesend waren. Fotografien können Momente konservieren, Bilder können zu Symbolen werden und Karikaturen können Sprachbarrieren überwinden.[3]

Anwendung des Deskriptionsschemas auf das Motiv der Sappho

Um Bilder als Quellen zu nutzen und den Gebrauch von Bildern in Geschichtsschulbüchern zu untersuchen, wurde im Rahmen der Studiengruppe Historisches Bildwissen der Goethe Universität Frankfurt ein Deskriptionsschema entwickelt. In diesem Kontext entstand diese Untersuchung. Sie widmet sich der Motivik eines Bildes, welches im Schulbuch Entdecken und Verstehen 1, Geschichtsbuch für Hessen (2000), zu finden ist.[4]

Das Bild dieser Untersuchung (siehe Abb. 2, rote Umrandung) wurde mit der Bildunterschrift „Junge Frau mit Schreibtafel und Griffel. Wandbild aus Pompeji, 1. Jahrhundert n. Chr.“ betitelt. Nach einer kurzen Recherche wurde klar, dass es sich hierbei nicht um irgendeine Frau aus der Antike handelt, und vor allem nicht um eine Frau aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Die Frau, die hier abgebildet wurde und als Motiv für Frauen der Antike genutzt wurde, war Sappho, die erste Lyrikern der Antike, die bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt hat.

Abb. 2: Der Untersuchungsgegenstand: Das Bild der Sappho, welches fälschlicherweise als „Junge Frau mit Schreibtafel und Griffel. Wandbild aus Pompeji, 1. Jahrhundert n. Chr.“ betitelt wurde. Scan der Schulbuchseite aus entdecken und verstehen 1.

Warum wurde das Bild der Sappho seinem Kontext entrissen?

Abb. 4: Das Motiv der Sappho

Abb. 1: Fresko der Sappho, Pomeij (55-79 n. Chr.)

Das Bild ist für den Schulunterricht, im Speziellen um das Thema Familie, Frauen und Erziehung in der Antike zu behandeln, sehr wohl sinnvoll und zielführend, denn Sappho war eine ganz besondere Person, die sich, entgegen der üblichen „Rollenverteilung“ der Antike, als Frau einen Namen gemacht hat. Jedoch wird es für diesen Zweck nicht genutzt.

Um diese Frage zu beantworten, mussten die Begriffe eines Motivs und des Symbols näher betrachtet werden. Das Bild wurde wahrscheinlich wegen seiner Motive ausgewählt, da auf den ersten Blick eine vermeintlich gebildete Frau aus der Oberschicht erkannt werden kann. Ein weiterer Kontext wird auch im Verfassertext nicht geschildert:

„So beschäftigten sich Frauen der Oberschicht häufig mit griechischer Bildung und Wissenschaft. Als Beraterinnen ihrer Männer wurden sie von römischen Schriftstellern immer wieder wegen ihrer politischen Klugheit gelobt“[5].

Dies ist der einzige Zusammenhang zwischen dem Bild und dem Text, der hergestellt wird. Lediglich eine oberflächliche Aufgabenstellung, die die zwei Bilder der Seite 128 betrifft, regt zur Arbeit mit dem Bild an: „Beschreibt, welche Eigenschaften einer Römerin auf den Abbildungen 1 und 2 als besonders lobenswert erscheinen“[6]. Schnell wird deutlich, dass diese Aufgabenstellung nicht zielführend zu einer inhaltlichen Bearbeitung der Bilder führt. Selbst der Verfassertext widerspricht sich hier. Zum einen wird die Klugheit von Frauen der Oberschicht gelobt, zum anderen wird gesagt, dass das Leben von einfachen Römerinnen ganz anders aussah. Die Motive, die in dem Bild der Sappho und auch im Nachbarbild eine Rolle spielen, sind der Griffel, die Schreibtafel, das Aussehen der Frauen und ihre Körperhaltung.

Beide Frauen halten den Griffel, vielleicht nachdenklich oder elegant, vor den Mund und die Schreibtafel vor die Brust. Sie haben braunes, kurzes bzw. durch ein Band zurückgebundenes gelocktes Haar, große braune und runde Augen, einen hellen Hautton, den man vor allem auf dem zweiten Bild im Vergleich zu dem Mann gut erkennen kann. Sogar die Blickrichtung, links aus dem Bild hinaus, scheint ähnlich zu sein.

Die Ähnlichkeit der Motive ist verblüffend und lässt die elementare Frage immer wieder aufkommen, warum das Motiv der Sappho seinem Kontext entrissen wurde. Durch die Untersuchung, die nur Vermutungen anstellen kann, lässt sie sich indes nicht beantworten. Lediglich der Autor scheint die Antwort auf diese Frage zu kennen.

Literatur

[1] Heinze, Carsten: Das Bild im Schulbuch. Zur Einführung. In: Heinze/ Matthes (Hrsg.): Das Bild im Schulbuch, Bad Heilbrunn 2010, S. 9.

[2] Hrosch, Regine C.: Die historische Quelle Bild als Problem der Geschichtswissenschaft und der Vermittlung von Geschichte. Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft 6, Oldenburg 2008, S. 128.

[3] Pandel, Hans-Jürgen: Bildinterpretationen. Die Bildquelle im Geschichtsunterricht
Bildinterpretationen 1, Schwalbach/Ts. 2011, S. 21 ff.

[4] Cornelsen Verlag: Entdecken und Verstehen 1. Von der Urgeschichte bis zum Beginn des Mittelalters. Geschichtsbuch für Hessen, Hrsg. von Dr. Thomas Berger und Prof. Dr. Hans-Gert Oomen, Berlin 2000, S. 128-129.

[5] Ebd.

[6] Ebd.