Bebilderungsreservoir der napoleonischen Ära

Einleitung und Forschungsansatz

Im Rahmen der Projekte der Studiengruppe Historisches Bildwissen standen mehrere Methoden bzw. Ansätze zur Auswahl, um die Schulbücher im Kontext des jeweils selbstbestimmten Themas zu analysieren. Ich entschied mich hierbei für die Analyse eines möglichen Bebilderungsreservoirs mit Ansätzen eines komparatistischen Vergleichs, da ich mehrere verschiedene Schulbücher als Fundament für diese Arbeit verwende.

Weiterhin entschied ich mich dafür, die Darstellung der Napoleonischen Epoche zu analysieren, da dieses Thema zwar nie im Vordergrund des Schulunterrichts steht, jedoch einen großen Teil zu unserer Sichtweise auf die Person sowie ihre Zeit beiträgt, wenn nicht sogar alleine prägt.

Es stellt sich daher die Frage, ob sich dies aus dem Bildeinsatz mit entsprechenden Beschriftungen ergeben könnte. Wenn die daraus entstandene Sichtweise auf diese Epoche daran liegen könnte, müssten sich diese gezielten Bilder auch wiederholen. Schließlich würde die Vermittlung mit unterschiedlichsten Bildern wohl eher dazu führen, dass Leser*innen anderer Schulbücher andere oder sogar gegensätzliche Sichtweisen auf diese Zeit haben könnten. Ich möchte also herausfinden, ob es einige Bilder gibt, die immer vorkommen und somit Einfluss auf unsere Wahrnehmung Napoleons nehmen könnten. Ich untersuche die Möglichkeit eines Bebilderungsreservoirs zu dieser Thematik, deshalb lautet meine endgültige Frage:

„Gibt es in Schulbüchern ein Bebilderungsreservoir der Napoleonischen Ära?“

Erhebung und Korpus

Bevor die eigentliche Schulbuchanalyse beginnt, müssen zunächst einige Einschränkungen der Datenerhebung und Korpusbildung des Projekts ermittelt werden. Nachdem ich mich für mein Projekt dazu entschied, die Darstellung der Napoleonischen Epoche zu untersuchen, ergaben sich zur Einschränkung des Umfangs folgende Faktoren:

1. Den Umfang und den Zeitraum des Projekts der Studiengruppe, wodurch ich meinen zu untersuchenden Schulbuchbestand lediglich auf die in Hessen zugelassenen Bücher reduzierte.

Also verglich ich die Liste des Kultusministeriums der momentan in Hessen zugelassenen Schulbücher [1] (Stand: 15.05.2019) mit dem vorhandenen zugelassenen Schulbuchbestand der Goethe-Universität Frankfurt.

2. Das Vorkommen der Napoleonischen Ära in den Jahrgängen. Thematisch passt die Epoche in die (meistens) 8. Klasse sowie die Sekundarstufen. Aufgrund des Umfangs sowie eines Anspruchs an den Inhalt sollte das Thema auf einem gewissen Niveau betrachtet werden, wodurch die Bücher der 8. Klasse wegfallen. Des Weiteren möchte ich mich nur mit den Büchern der Gymnasien beschäftigen. Somit bleibt eine Untersuchung der Schulbücher der Sekundarstufen (SKI) und (SKII) des gymnasialen Niveaus.

3. Das garantierte Vorkommen des Themas innerhalb der Schulbücher. Im Rahmen des Projekts der Studiengruppe habe ich gleich in den ersten beiden untersuchten Büchern der SKII keine nennenswerten Vorkommen der Zeit Napoleons gefunden. Daher entschied ich mich, einzig die Bücher der SKI zu untersuchen, um auch eine im Verhältnis der zugelassenen Bücher zu den Jahrgängen sinngemäße Datensammlung erreichen zu können. Darauf beziehen sich auch meine Ergebnisse des während des Semesters entstandenen Projekts. Für die Ausweitung der Analyse werde ich um eine Vollständigkeit zu erreichen, ebenso die Bücher der SKII miteinbeziehen. Dennoch halte ich diese Erwähnung für notwendig, da sonst suggeriert wird, dass ich sämtliche zugelassene SKII Bücher untersucht hätte. Bücher, die dem Thema weder ein eigenes Kapitel, noch eine angemessene Einbindung bieten und dementsprechend auch geringstes bis gar kein Bildmaterial zu bieten haben, werden in diesem Projekt also nicht miteinberechnet.

Im Endeffekt untersuche ich somit die Darstellung der Kapitel der Napoleonischen Epoche innerhalb der eben genannten Schulbücher aufgrund ihrer Bilder sowie den damit zusammenhängenden Kapitelüberschriften.

Insofern dienen folgende acht Schulbücher als Korpus:

  1. Forum Geschichte 3 von dem Cornelsen Verlag aus dem Jahr 2017.
  2. Horizonte 3 von Westermann/Schroedel aus dem Jahr 2014.
  3. Geschichte und Geschehen 3 vom Ernst Klett Verlag aus dem Jahr 2017.
  4. Das waren Zeiten 3: Neue Ausgabe Hessen vom Buchner Verlag aus dem Jahr 2016.
  5. Europa – Unsere Geschichte 2 von eduversum aus dem Jahr 2018.
  6. Histoire/Geschichte. Europa und die Welt von der Antike bis 1815 vom Ernst Klett Verlag aus dem Jahr 2011.
  7. Buchners Kolleg Geschichte. Neue Ausgabe Hessen von Bucher C.C. aus dem Jahr 2017.
  8. Kursbuch Geschichte. Neue Ausgabe Hessen vom Cornelsen Verlag aus dem Jahr 2011.

Auszählung und Analyse der Bücher

Forum Geschichte 3 widmet dem Thema 13 Seiten mit 4 Bildern. Horizonte 3 – Geschichte Gymnasium Hessen befasst sich mit ihm auf 24 Seiten, welche 22 Bildern beinhalten. Geschichte und Geschehen 3 wiederum hat nur 10 Seiten und auch 10 Bilder. Das waren Zeiten 3 – Neue Ausgabe Hessen präsentiert ebenfalls 10 Seiten zu dem Thema mit 12 Bildern. Europa – Unsere Geschichte 2 bietet 14 Seiten, jedoch nicht in einem, sondern in zwei Kapiteln zu Napoleon, in denen ganze 21 Bilder zu finden sind. Histoire/ Geschichte Europa und die Welt von der Antike bis 1815 zeigt auf 24 Seiten 23 Bilder. Buchners Kolleg Geschichte wiederum gibt dem Thema nur 12 Seiten mit 7 Bildern. Und zuletzt bietet das Kursbuch Geschichte auf 6 Seiten 7 Bilder.

Insgesamt wurden dem Thema also 103 Seiten zugesprochen. Die Gesamtanzahl der Bilder beträgt 106 Bilder, durchschnittlich macht das 13 Seiten und 13 Bilder pro untersuchtem Schulbuch.

Von diesen 106 Bildern gibt es jedoch nur 11 Motive, die sich mehrmals wiederholen – die Karten nicht mitgerechnet. Sämtliche der 25 Karten, die vorkommen, zeigen Europa in einem Zeitraum oder bestimmten Jahr zwischen 1789 und 1814. Von diesen wiederum zeigen 10 das Jahr 1812. Abgesehen von den sich wiederholenden Portraits Napoleons als Konsul, General, etc. gibt es nur zwei Portraits, welche mehrmals, aber dafür immer gemeinsam auftauchen. Das sind die Abbilder von „Vom Stein“ und „Von Hardenberg“. Doch von den konsistent häufigen Motiven, die mindestens fünfmal auftauchen, gibt es nur drei Stück, welche sich wiederum selbst durch gewisse Besonderheiten auszeichnen.

Untersuchung der auffälligsten Bilder

Von allen untersuchten Bildern sind drei besonders durch verschiedene Merkmale aufgefallen. Da es sich bei allen um Gemälde von zeitgenössischen Künstlern während und kurz nach der Ära Napoleons handelt, ist es mir möglich, die Darstellung der in den Büchern zu findenden Bildern mit den Originalen zu vergleichen. Daher werde ich diese erst mit Originaltitel, dem Autor und Entstehungsjahr auflisten und dann die Unterschiede der in den Büchern vorkommenden Versionen einzeln beleuchten.

Bild 1: “Sacre de l’empereur Napoléon Ier et couronnement de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804“ – Jacques-Louis David, um 1805– 1807.

Abb. 2: „Sacre de l’empereur Napoléon Ier et couronnement de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804“ von Jacques-Louis David, entstanden zwischen 1805-1807. 

Dieses Gemälde kam fünfmal in den Büchern vor, jedoch immer mit einem anderen Titel. Betitelt wurde es als:

1) „Kaiserkrönung Napoleons am 2. Dezember 1804 in der Kirche Notre-Dame in Paris“ [2]
2) „Die Krönung Napoleons“ [3]
3) „Die Salbung Kaiser Napoleons I. und die Krönung der Kaiserin Joséphine in der Kathedrale Notre Dame zu Paris am 2. Dezember 1804“ [4]
4) „Weihe des Kaisers Napoleon I. und die Krönung der Kaisern Josephine in der Kathedrale Notre-Dame in Paris am 2. Dezember 1804“ [5]
5) „Sacre de l’empereur Napoléon Ier et couronnement de l’impératrice Joséphine dans la cathédrale Notre-Dame de Paris, le 2 décembre 1804“ [6]

Interessant ist zu sehen, dass es nur zwei sinngemäße Übersetzungen gibt und nur eine Originalangabe. Weiterhin wird die Krönung der Joséphine in zwei Büchern gar nicht erwähnt. Auch auf den Aspekt der historisch bedeutsamen Selbstkrönung wird hier nicht eingegangen. Des Weiteren wird dieses Bild meistens zu Analysezwecken eingesetzt, daher wird es, als einziges der Epoche, immer über die ganze Seite gestreckt abgebildet und in einigen Fällen ist es auch mit expliziten Beschriftungen der einzelnen Personen zu finden. Das ist auch bei 5) der Fall, doch in diesem Buch erstreckt sich das Bild nicht unbedingt ästhetisch durchdacht über zwei Seiten hinweg.

Bild 2: „Bonaparte franchissant le Grand-Saint-Bernard“- Jacques-Louis David, um 1800– 1803.

Abb. 3: „Bonaparte franchissant le Grand-Saint-Bernard“, von Jacques-Louis David, zweite Version von 1801.

Auch dieses Gemälde von Jacques-Louis David war vier Mal zu finden, wobei jedoch gleich mehrere gleiche Übersetzungen verwendet wurden:

1) „Napoleon überschreitet den großen St. Bernhard-Pass“ [7]
2) „Napoleon beim Überqueren der Alpen am Großen St. Bernhard“ [8]
3) „Napoleon überschreitet den großen St.-Bernhard-Pass“ [9]
4) „Napoleon beim Überqueren der Alpen am Großen St. Bernhard“ [10]
5) „Der Erste Konsul, die Alpen am Großen Sankt-Bernhard-Pass überquerend“ [11]

Das besonders Interessante jedoch ist, dass Jacques-Louis David ursprünglich fünf verschiedene Versionen dieses Gemäldes zwischen den Jahren 1800 – 1803 erschuf.

Dennoch verwenden die ersten vier Schulbücher die gleiche, zweite Version von 1801, welche heute in Berlin zu sehen ist. Die Schattierung bei 3) lässt zunächst anderes vermuten, dennoch handelt es sich auch hier klar erkennbar um die zweite Version anhand des dunkelbraunen Pferdes. Lediglich 5) verwendet eine andere, die fünfte Version, erkennbar an dem Muster des Pferdes und der Farbe des Umhangs, welche heute in Versailles zu finden ist.[12]

Bild 3: “El 3 de mayo en Madrid: Los fusilamientos de patriotas madrileños” – Francisco de Goya, um 1814.

Abb. 4: „Der 3. Mai 1808 in Madrid: Die Erschießung der Aufständischen auf der Montana del Principe Pio“ von Francisco Goya (1815).

Das einzige Gemälde eines spanischen Künstlers, doch auch dieses hat keine sich wiederholenden Übersetzungen:

1) „Erschießung der spanischen Aufständischen am 3. Mai 1808 in Madrid.“ [13]
2) „Der 3. Mai in Madrid: Die Erschießung der madrilenischen Patrioten“ [14]
3) „Der 3. Mai 1808“ [15]
4) „Das Massaker von Madrid“ [16
5) „Die Erschießung der Aufständischen“ [17]

Von allen möglichen Bildern ist überraschenderweise dieses auch das (mit den anderen beiden) am meisten vorkommende Bild über alle acht Schulbücher hinweg und nicht eines mit direktem Bezug auf Napoleon persönlich (wie z.B. die vorhin schon erwähnte Selbstkrönung).

Vorläufiges Ergebnis

Letztendlich ist es schwer zu sagen, ob sich ein Bebilderungsreservoir der napoleonischen Epoche festlegen lässt. Zwar sind mit durchschnittlich 13 Bildern auf durchschnittlich 13 Seiten doch recht viele Bilder vorhanden, doch von allen 106 vorkommenden Bildern finden sich lediglich 11, also in etwa 10,3% in mehr als nur einem Buch. Weiterhin sind diese z.T. ausschließlich in zwei von acht verschiedenen Büchern zu finden. Als repräsentativ kann man ein sich einmal wiederholendes Motiv selbst bei einem relativ geringen Umfang von acht untersuchten Büchern nicht bezeichnen. Diese nicht vorhandene Repräsentativität gilt auch für die anderen Aspekte des Projekts. Sogar die Bilder, bei denen man den Ansatz eines einheitlichen Musters erkennen könnte, unterscheiden sich dann doch in ihrer Darstellung wie z.B. die „Überquerung über die Alpen“. Es wurden verschiedene Versionen für die Darstellung gewählt und die Übersetzungen suggerieren auch keine einheitliche Entscheidung. Daher würde ich sagen, dass ein Bebilderungsreservoir entweder nie existierte oder es nicht in der Hand der Schulbücher liegt.

Doch die öfters vorkommenden Bilder, insbesondere die im letzten Kapitel untersuchten drei, in Kombination mit den Kapitelüberschriften machen schnell deutlich, welche Themen wichtig sind. Wenn es also eine Art Reservoir gibt, dann nur für die sich wiederholenden Themen, nicht aber für die Bilder. Andere wichtige Bestandteile der Epoche wie das Ende des Heiligen Römischen Reiches, Innenpolitik oder Reformen wie der Code Civil, welche ebenfalls bedeutende Auswirkungen auf die Geschichte hatten und haben, werden zum Teil jedoch nicht einmal erwähnt und spielen eher eine nebensächliche Rolle. Im Gegensatz dazu gibt es dann wiederum einen Schwerpunkt auf der Selbstkrönung, der Selbstdarstellung und der Hinrichtung der Einwohnern Spaniens. Das sind die drei konsistenten Motive der Epoche. Vor allem das letzte überrascht, da Napoleons Bestreben auf der Iberischen Halbinsel eine der im Vergleich zu den anderen eben gelisteten Themen, ein eher unbekannterer Aspekt ist. Dennoch ist hier das häufigste Bild zu finden.

Insgesamt lässt sich also eher eine negative Konnotation gegenüber Napoleon feststellen, die eher die tyrannischen und weniger die reformistischen Aspekte seiner Zeit beleuchten, doch allein durch die Bilder ist dies nicht festzustellen.

Literatur

[1] Nachzulesen auf: https://kultusministerium.hessen.de/sites/default/files/media/hkm/schulbuecherkatalog_fuer_allgemein_bildende _schulen_und_schulen_fuer_erwachsene_stand_15.05.2019.pdf

[2]  „Napoleons Selbstkrönung“ entnommen aus: Ernst Klett Verlag: Geschichte und Geschehen 3, Stuttgart 2017, S. 30.

[3]  „Napoleons Selbstkrönung“ entnommen aus: Eduversum: Europa – Unsere Geschichte 2, Wiesbaden, 2018, S. 227.

[4]  „Napoleons Selbstkrönung“ entnommen aus: C.C. Buchner: Das waren Zeiten 3 – Neue Ausgabe Hessen, Bamberg, 2016, S. 56.

[5]  „Napoleons Selbstkrönung“ entnommen aus: Westermann/Schroedel: Horizonte 3 – Geschichte Gymnasium Hessen, Braunschweig 2014, S. 36.

[6]  „Napoleons Selbstkrönung“ entnommen aus: Ernst Klett Verlag: Histoire/ Geschichte Europa und die Welt von der Antike bis 1815,  Stuttgart 2011, S. 226-227.

[7]  „Napoleon überquert die Alpen“ entnommen aus: Cornelsen: Kursbuch Geschichte, neue Ausgabe Hessen, Berlin 2011, s. 227.

[8] „Napoleon überquert die Alpen“ entnommen aus: Westermann/Schroedel, Horizonte 3 – Geschichte Gymnasium Hessen, Braunschweig 2014, S. 35.

[9]  „Napoleon überquert die Alpen“ entnommen aus: C.C. Buchner: Das waren Zeiten 3 – Neue Ausgabe Hessen, Bamberg, 2016, S. 54.

[10]  „Napoleon überquert die Alpen“ entnommen aus: Cornelsen: Forum Geschichte 3, Berlin, 2017, S. 46.

[11]  „Napoleon überquert die Alpen“ entnommen aus: Ernst Klett Verlag: Histoire/ Geschichte Europa und die Welt von der Antike bis 1815, Stuttgart 2011, S. 223.

[12] Vgl. Nerlich, France: La Peinture française en Allemagne, Paris 2010, S. 74.

[13] „Die Erschießung der Aufständischen“ entnommen aus: C.C. Buchner: Das waren Zeiten 3 – Neue Ausgabe Hessen, Bamberg, 2016, S. 62.

[14]  „Die Erschießung der Aufständischen“ entnommen aus: Ernst Klett Verlag: Geschichte und Geschehen 3, Stuttgart 2017, S. 36.

[15] „Die Erschießung der Aufständischen“ entnommen aus: Eduversum: Europa – Unsere Geschichte 2, Wiesbaden, 2018, S. 233.

[16]  „Die Erschießung der Aufständischen“ entnommen aus: Westermann/Schroedel: Horizonte 3 – Geschichte Gymnasium Hessen, Braunschweig 2014, S. 46.

[17] „Die Erschießung der Aufständischen“ entnommen aus: Ernst Klett Verlag: Histoire/ Geschichte Europa und die Welt von derAntike bis 1815, Stuttgart 2011, S. 243.